Station 1: Luxemburgs „Wiichtelcher“

Wusstest du, dass es nicht nur im Märchen „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ kleine Leute geben soll, die unter dem Boden arbeiten und gerne anderen Menschen helfen? Auch hier in Luxemburg glauben seit Jahrhunderten viele Menschen daran.
In einem dicken Buch, welches vor 150 Jahren von Nicolas Gredt geschrieben wurde, finden wir viele Geschichten über diese kleinen Leute, die in Luxemburg als „Wiichtelen“ oder „Wiichtelcher“ bezeichnet werden . Hier in Useldange sind sie als „Äestercher“ bekannt und haben die spezifische Aufgabe, die Kinder daran zu hindern, im Fluss Atert zu ertrinken. An anderen Stellen sind sie als „Wichtelmännercher“, „Heinzelmännercher“ oder „Zwerge“ bekannt. Quer durch das Luxemburger Land findet man Erzählungen über Häuschen oder unterirdischen Gängen, wo kein erwachsener Mensch sich aufhalten könnte, höchstens ein drei- oder vierjähriges Kind.
An den nächsten elf Stationen erfährst du mehr über die „Wiichtelcher“ und was sie alles im Land getrieben haben sollen.

Station 2: Der Wichtel von Reckange

In Reckange bei Mersch wohnte vor langer Zeit ein Junge, deren Vater verstorben war. Er lebte alleine mit seiner Mutter auf einem kleinen Hof. Sie hatten viel Arbeit und ihr Pferd hat ihnen geholfen, die Felder zu pflügen und besähen. Eines Tages jedoch erkrankte das Tier und starb in der gleichen Nacht. Da der Junge und seine Mutter arme Leute waren, konnten sie sich kein neues Pferd leisten.
„Geh zu meinem Bruder, der in Rollingen wohnt“, sagte die Frau zu ihrem Sohn. „Er soll dir ein Pferd ausleihen“. Und so machte sich der Junge zu Fuß nach Rollingen. Als er dort ankam, klagte er seinem Onkel ihr Leid. Dieser war aber ein egoistischer Mensch. „Glaub ja nicht, dass ich euch eines meiner Pferde leihe. Die brauch ich alle selber“. Traurig und verzweifelt ging der Sohn nach Hause.
Auf halben Weg traf der Junge ein Wichtel. Der fragte ihn, weshalb er so traurig und niedergeschlagen wäre. „Unser Pferd ist tot. Wir sind arme Leute und können uns kein Neues kaufen. Und unser Onkel aus Rollingen will uns keines seiner Pferde leihen. Nie werden wir unsere Felder besähen können. Ich befürchte, wir werden diesen Winter verhungern“. Der Wichtel überlegte eine Weile und antwortete: „Geh nach Hause, kauf Samen und frage deinen Nachbarn, ob du sein Pflug benutzen kannst. Stelle alles auf dein Feld. Den Rest erledige ich“.
Der Junge eilte nach Hause, kaufte Samen, borgte sich den Pflug des Nachbarn und stellte alles aufs Feld, so wie der Wichtel es verlangt hatte. Am nächsten Morgen ging er zum Feld: Es war gepflügt und besäet worden. Und so stellte der Junge jeden Tag den Samen und den Pflug auf ein anderes seiner Felder, bis alle bearbeitet waren.
In diesem Winter erlitten sie keinen Hunger.

Station 3: Die Wichtel von Folkendingen und Ermsdorf

Vor vielen Jahren ist ein Mädchen aus dem Erenztal Patin eines Wichtelkindes geworden. Wie dies möglich war, das wusste keiner. Seine Eltern wussten es ebenfalls nicht.
Eines Tages machte sich das Mädchen auf den Weg zu seinem Patenkind. Die Wichtelfamilie wohnte in einem niedlichen Häuschen. Es ist ganz freundlich empfangen worden und hat sich prächtig mit der Familie des Kindes amüsiert. Nach einer Weile wollte das Mädchen nach Hause, da es dachte, die Nacht bräche gleich ein und es wollte seinen Eltern keine Sorge bereiten. Es sagte der Wichtelfamilie aufwiedersehen und ging nach Hause. Als es jedoch ankam, hatte sich alles verändert. Nichts war wie vorher. Es lief durchs Haus und fand eine alte Frau mit grauen Haaren im Sessel in der Stube. Sie hatte ein sehr trauriges Gesicht mit sehr vielen Falten. Das Mädchen fragte sich wer, diese alte Frau wohl sei. „Was machs du hier?“, fragte sie die Greisin. „Und wo ist meine Mutter?“. „Oh mein Kind, es ist fast nicht zu glauben! Bist du es wirklich?“, stieß die alte Frau hervor. „Ich warte schon so lange auf diesen Augenblick“. „Ich verstehe nicht was du meinst“ antwortete das Mädchen. Die Augen der Greisin füllten sich mit Tränen. „Wir haben dich so vermisst! Du warst dreizehn Jahre lang verschwunden“.

Station 4: Die Wichtel von Trintingen

Es wird erzählt, dass zwischen Ersingen und Medingen Wichtel gelebt haben sollen. Im Winter seien die kleinen Leute nachts nach Medingen gekommen und hätten in den Scheunen gedroschen. Nach der Arbeit hätten sie sich eine Handvoll Körner mit nach Hause genommen.
Eines Tages sei ein Bauer mit dem Pflug auf sein Feld gefahren. Es befand sich in einer Gegend, wo erzählt wurde, die Wichtel hätten dort ihre unterirdischen Häuser. Es muss Backtag gewesen sein, denn auf einmal hörte der Bauer eine Stimme von unter dem Boden her rufen: „Ich will Kuchen!“. Dann ertönten weitere Stimmen „Ich auch! Ich auch!“. Der Bauer konnt nicht widerstehen und rief ebenfalls: „Ich auch!“. Als er nach seiner Mittagspause aufs Feld zurückkehrte, fand er ein Stück Kuchen auf seinem Pflug.

Station 5: Die Wichtel am Katzenfelsen

Auch in der Gegend von Mamer und Kehlen sollen Wichtel gewohnt haben.
Ein Jahr war besonders wenig Regen gefallen und die meisten Quellen waren ausgetrocknet. Für die Bauer war dies ein grosses Problem: Ohne Wasser können keine Pflanzen wachsen. Und ohne Pflanzen, keine Körner, ohne Körner, kein Mehl und ohne Mehl kein Brot. Die Leute hatten Hunger. Das wenige Brot, welches aufzutreiben war, kostete viel Geld. Im Winter dieses Jahres sammelte ein Mann alle seine Münzen und machte sich auf nach Kehlen, um Brot zu kaufen. Abends trabte er durch eine dicke Schneedecke traurig wieder nach Hause. In ganz Kehlen hatte er kein Brot kaufen können. Er hatte nicht genügend Geld gehabt. Kurz nach dem er die „Kuelebaach“ überquert hatte, hörte er einen fürchterlichen Lärm und lautes Klopfen. Gegenüber vom Katzenfelsen, beim Goldberg sah er ein grosser Ofen. Um diesen bewegten sich Schatten. Es waren Wichteln, die in der Nähe wohnten. Leise schlich sich der Mann näher. Die Wichtel verarbeiteten einen riesigen Haufen Gold in Goldmünzen. „Was für ein Glück“ freute sich der Mann, der den Wichtel folglich sein Leid klagte. Die Wichtel, die Mitleid mit dem Manne hatten, erlaubten ihm so viel Goldmünzen zu nehmen, wie er bräuchte. Seine Taschen vollgestopft, wendete der Mann sich den Wichteln zu, um sich zu bedanken. Die und Ihr Ofen jedoch waren verschwunden.

Station 6: Der Wichtelhügel von Nennig

In Nennig, auf der anderen Seite der Mosel bei Bech-Maacher, gab es einen Hügel mit dem Namen „Wichtelknäppchen“. Eines Abends, es war Kirmessamstag, brachte eine Frau ihren Männern, die auf der Anhöhe arbeiteten, ihr Essen.
Sie hatte den Kirmeskuchen eine Stunde zuvor aus dem Ofen genommen, und den wunderbaren warmen Duft konnte man schon von Weitem riechen. Als die Frau oben an Hügel ankam, sah sie kleine Wichtel, die ihren Kopf aus dem Boden streckten und riefen. „Back uns auch einen Kuchen! Back uns auch einen Kuchen!“. Die Frau blieb stehen, sah sich die Wichtel an und antwortet schrob: „Zuerst backt ihr mir einen Kuchen! Wann feiert ihr denn Kirmes?“. Das ärgerte die Wichtel sehr. Von da an wurden die Wichtel nie mehr am Tag in Nennig gesehen. Und die Frau, die war verschwunden. In sternenklaren Nächten sieht man heute manchmal eine alte Frau mit ihrem Korb vorbeigehen und hört die tanzenden Wichtel frech „Back mir ein Kuchen! Back mir ein Kuchen!“ rufen.

Station 7: Die Wichtel von Vichten

Shaddai, der König der Wichtel, soll in einem großen Palast in Vichten gewohnt haben. Lange hat Shaddai sein Volk von da aus regiert. Eines Tages jedoch wurde der König durch sein eigenes Volk ermordet.
Was soll nur passiert sein? Soll es etwa damit zu tun haben, dass er den Menschen zu nahe gewesen sei? In Vichten, Richtung Useldange, hat es eine Burg namens „Scheierbuerg“ gegeben. Sie wurde von einem schrecklichen Ritter bewohnt. Unterirdische Gänge sollen die Scheuerburg und die Burg in Useldange verbunden haben. War ein Schatz im Spiel? In Useldange soll einer begraben sein, und die Wichtel sind bekannt dafür, Gold und Geld in ihren unterirdischen Gängen zu verstecken.
Tatsache ist, wir wissen es nicht. Jedoch wurde erzählt, dass die Wichtel, die unter dem „Scheierbësch“ gelebt haben, die Mäuse mit Gold fütterten. Doch die Wichtel von Vichten waren sicherlich die reichsten. Die prahlten oft, wenn sie die Useldinger sahen und sagen mit Schadenfreude: „Ihr pflügt vielleicht mit einem silbernen Pflug. Unser Pflug jedoch ist aus Gold“.
Nicht nur Menschen prahlen gerne.

Station 8: Die Wichtel von Mersch

In der Umgebung von Mersch sollen auch viele Zwerge gelebt haben, in der Nähe vo Angelsberg, Schoenfels und Reckange. Denen guten Menschen sollen sie geholfen haben, denen bösen Streiche gespielt. Die, die Zwerge gesehen haben, berichten, sie hätten einen großen Strohhut auf und hätten immer eine Schaufel oder eine Hacke bei sich. Ansonsten seien sie wie Menschen gekleidet. Ihre Wohnungen befänden sich tief unter dem Boden in den Bergen und seien mit Gängen miteinander verbunden. In Reckange hatte man einen Brunnen gefunden, der von den Zwergen gebaut worden sei. Der war so tief, dass sogar nach drei Tagen die Bewohner des Dorfes ihn nicht mit Steinen aufgefüllt hatten.

Station 9: Die Wichtel von Niederfeulen

In Niederfeulen wohnten die Wichtel tief unter dem Boden. Sie waren nicht größer als ein achtjähriges Kind. Tagsüber hat man sie nie gesehen, immer nur nachts waren sie unterwegs. Und schnell konnten sie laufen! Schnell wie ein Rennpferd. Sie haben den Leuten geholfen, die nett waren: Sie haben gesponnen und im Feld gepflügt. Niemand hat sie je bei ihrer Arbeit gesehen. Doch falls jemand ihnen mal etwas Böses antat! Dann haben sie den beklaut und die Beute mit in ihre Höhlen verschleppt. Eines Tages sah ein Mann wie ein Wichtel ein Brot klaute. Als der Mann den Wichtel davon abhalten wollte, fing der an, ihn dermaßen zu kratzen, dass dieser um seine Augen fürchtete. Nach diesem Vorfall fürchteten sich die Einwohner von Niederfeulen vor den Wichtel und sie gaben ihnen alles, was sie nur konnten.

Station 10: Die Heinzelmännchen von Bertrange

Vor langer Zeit arbeitete ein Heinzelmännchen als Knecht in einem Stall. Hoch oben im Dachstuhl saß er immer, beobachtete alles sehr aufmerksam, meckerte nicht und beendete seine Arbeit immer pünktlich wie erwartet. Als der Bauer morgens in den Stall kam, war das Männchen dabei, die Pferde zu kämmen. Sobald der Bauer ihn erblickte, verschwand er in den Dachstuhl.
Der Bauer hat sich gefreut über die Hilfe des Heinzelmännchens. Dafür ließ der Bauer abends alle Türen des Hofes offen und stellte mehrere Teller mit Essen bereit für das kleine Wesen. Nach dem Essen verschwand der Kleine wieder in sein Versteck.
Während eines kalten Winters hatten die Dorfeinwohner großen Mitleid mit dem Heinzelmännchen. Sie fertigten deshalb Kleider für ihn an und legten sie neben das Essen. Als das Männchen die Kleider sah, erschrak er und dachte: „Soll dies mein Lohn sein für meine Arbeit? Werde ich etwa nicht mehr gebraucht?“. Mit Tränen in den Augen ist er verschwunden und wurde nie wieder gesehen.

Station 11: Die Wichtel von Bollendorf und die Kuh mit den goldenen Hörnern

Vor langer Zeit hat ein Junge in Bollendorf die Kühe auf der anderen Seite der Sauer hüten müssen. Er hatte jedoch gar keine Lust auf seine Arbeit und erledigte diese dementsprechend schlecht. Er nahm die Kühe viel zu spät aus dem Stall und brachte sie abends zu früh zurück. Die Kühe litten sehr. Eines Tages, als der Junge mit seinen Kühen auf der Weide stand, kam eine weiße Kuh mit goldenen Hörnern aus dem Wald und gesellte sich zu den anderen Kühen. Als der Junge seine Kühe nach Hause treiben wollte, blieben die einfach stehen und wollten die Weide nicht verlassen. Egal was er tat, der Junge konnte die weiße Kuh mit den goldenen Hörnern einfach nicht verjagen. Er wartete und wartete, doch die Kuh blieb bis Sonnenuntergang. Das Gleiche passierte die nächsten Tage. Entschlossen das Geheimnis der weißen Kuh mit den goldenen Hörnern zu lüften, folgte er eines Abends dem Tier in den Wald. Zwischen Felsen und durch Hecken sind sie gelaufen. Nach einer Weile sah er, wie die Kuh in eine Höhle lief. Kurze Zeit später erschien ein hässlicher Zwerg aus der Höhle. „Was willst du hier?“, knurrte dieser. „Ist das deine Kuh?“, fragte der Junge unhöflich. „Ich habe sie lange genug ohne Lohn gehütet. Du solltest mich für meine Arbeit bezahlen!“. Der Zwerg wurde sehr wütend: „Du Frechdachs! Meine Kuh muss gar nicht gehütet werden. Sie hat sich zu deinen Kühen auf die Weide gestellt, weil du die Herde nicht richtig versorgst!“. „Du möchtest deinen Lohn erhalten?“, rief der Zwerg. „Ich gebe dir deinen Lohn!“, fügte er hinzu und warf dem Jungen Gold und Silber zu.
Als der Junge zu Hause ankam, stellte sich heraus, dass die Münzen keinen Wert mehr hatten.

Station 12: Die Wichtel von Sterpenich

Vor vielen Jahrhunderten wohnte in Sterpenich in der Nähe von Arlon ein furchtbarer Ritter. Er war ein böser Mann. Eines Tages gab er einem Mann den Auftrag, einen Brief den ganzen Weg nach Metz zu bringen und noch vor Sonnenuntergang wieder in Sterpenich zu sein. Dies war unmöglich, da man schon 12 Stunden brauchte, um zu Fuß nach Metz zu laufen. Klar war ebenfalls, was dem Manne passieren würde, falls er den Auftrag nicht erledigen würden. Der Arme lief so schnell wie er konnte los. Außerhalb des Dorfes stand da auf einmal ein Zwerg mit einer Kutsche, an die 3 weiße Pferde gespannt waren. Der Zwerg bot dem Mann an, in seine Kutsche zu steigen. Dankbar nahm der Mann das Angebot an und stieg hinein. Und so kam es, dass der Mann den Auftrag in der vorgeschriebenen Zeit doch erledigen konnte.
Der Ritter wollte natürlich wissen, wie es dem Manne möglich war, so schnell nach Metz und zurückzureisen. Er rief den Mann zu sich, und dieser erzählte die Geschichte von Zwerg und seiner Kutscher. Am Ende fügte der Mann dann noch hinzu: „Mein Herr, ich soll Ihnen noch ausrichten, dass der Zwerg Sie heute noch mit seiner Kutsche abholen wird!“. Als der Ritter diese Wörter hörte, wurde er bleich wie Kreide und heulte verzweifelt: „Ich werde sterben!“.
An diesem Abend sah man eine Kutsche mit 4 schwarzen Pferden die Burg mit der Leiche des Ritters verlassen.

Diese Geschichten sind frei erzählt nach Nicolas Gredt seinem „Sagenschatz des Luxemburger Landes“, Institut Grand-Ducal, Luxembourg, Ausgabe: 2005 (erste Ausgabe 1883)